Dr. Peter von Wartenberg
Leading Myself

· 6 Min. Lesezeit

Wer bin ich ohne Titel? Deine größte Transformation liegt noch vor dir!

Die dritte Lebenshälfte

Warum der Ausstieg aus dem Beruf keine Rentenfrage ist, sondern eine Identitätsfrage, und warum du sie jetzt angehen solltest.

„Peter, ist dir eigentlich klar, dass deine größte Transformation noch vor dir liegt?“

So ähnlich hat es mir Andreas gesagt, ein guter Freund und ehemaliger Kollege, kurz nachdem er selbst in Rente gegangen war. Ich habe erst gelacht. Ich habe in meinem Leben einige Transformationen durchgemacht, gesteuert und verantwortet: Standorte, Länder, Organisationen, Restrukturierungen. Was sollte da noch Größeres kommen?

Andreas hat nicht gelacht. Er meinte: gerade weil du so gern arbeitest. Weil du Anerkennung magst. Weil du davon lebst, mit Menschen etwas zu bewegen. Er hat mir dann ein Buch empfohlen: Die dritte Lebenshälfte von Regina von Einsiedel (externer Link, öffnet in neuem Tab) und Michaela Seul. Ich habe es gelesen, und er hatte recht.

Was ich in Gesprächen erlebe

Ich führe sehr viele Gespräche, in denen es um berufliche Veränderung geht: das Ende einer Rolle, eines Arbeitsverhältnisses, einer Laufbahn. Gerade jetzt, wo in Deutschland viel „transformiert“ wird oder notwendige Restrukturierungen anstehen, werden es immer mehr.

Und immer wieder sehe ich dasselbe Muster. Menschen, die jahrzehntelang großartige Arbeit geleistet haben, wirken plötzlich verloren. Sie wissen nicht, wohin. Besonders deutlich wird das ab 55. Dann steht nicht mehr nur die Frage nach dem nächsten Job im Raum, sondern die viel größere: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben, wenn das hier vorbei ist?

Ich sitze in diesen Gesprächen auf der anderen Seite des Tisches. Ehrlich gesagt aber nicht mehr lange. Mit 57 ist die Frage auch meine.

Empty Desk und Empty Nest

Von Einsiedel beschreibt aus ihrer Zeit als Chefärztin zwei Muster, die ich sofort wiedererkannt habe.

Empty Desk: Von einem Tag auf den anderen ist kein Schreibtisch mehr da, der auf dich wartet. Keine Mails, keine Entscheidungen, niemand, der etwas von dir braucht. Nach ihrer Erfahrung trifft das häufiger Männer, die sich stark über ihren Beruf definiert haben.

Empty Nest: Die Kinder sind aus dem Haus, und mit ihnen geht eine Aufgabe, die jahrelang den Alltag bestimmt hat. Das betrifft nach ihrer Beobachtung häufiger Frauen, die viel Care-Arbeit geleistet haben.

Beides fühlt sich ähnlich an: eine innere Leere, wo vorher ein klarer Auftrag war. Und beides kann zusammenfallen. Dann steht ein Paar plötzlich vor einem leeren Schreibtisch und einem leeren Nest gleichzeitig.

Du vermisst nicht die Arbeit, sondern was sie dir gibt

Der Gedanke, der mich bei von Einsiedel am meisten getroffen hat: Die meisten bereiten sich auf den Ruhestand vor, indem sie sich ausmalen, was alles wegfällt. Kein nerviger Chef mehr, keine endlosen Meetings, kein Wecker. Das trägt eine Weile. Von Einsiedel nennt es den Honeymoon. Danach kommen die Leerstellen.

Denn Arbeit erfüllt Funktionen, über die wir nie nachdenken, solange sie einfach da sind:

  • Struktur: Wann ich aufstehe, wann Wochenende ist, wann Urlaub.
  • Identität: Wer ich bin, wenn mich jemand fragt.
  • Kompetenz: Wo ich zeigen kann, was ich kann.
  • Anerkennung: Wer mir sagt, dass es gut war.
  • Zugehörigkeit: Mit wem ich jeden Tag zu tun habe.

Fällt das alles an einem Tag weg, spricht von Einsiedel von einem kalten Entzug. Und nach den Studien, die sie gefunden hat, trifft es ausgerechnet Führungskräfte besonders hart.

Das hat mich nachdenklich gemacht. Sie erzählt selbst, wie sie mit Anfang 60 nicht wusste, wie sie sich noch vorstellen soll. Als ehemalige Chefärztin? Als „Direktorin a.D.“? Sobald man sagt, dass man nicht mehr arbeitet, verläuft das Gespräch im Sand.

Wenn ich ehrlich bin: Ich kenne diese Angst. Nicht vor der Freizeit, sondern davor, unsichtbar zu werden.

Die Autobahn für danach baust du jetzt

Von Einsiedel nutzt ein Bild, das mir hängen geblieben ist. Unsere Gewohnheiten sind wie Autobahnen im Gehirn: breit ausgebaut, über Jahrzehnte befahren, belohnt mit Dopamin. Gehst du in Rente, wird die eine Autobahn gesperrt. Die neue musst du selbst bauen, und das dauert. Ihre Faustregel aus dem Coaching: rund zwei Jahre, bei manchen weniger, bei manchen deutlich mehr.

Das heißt: Wer erst am letzten Arbeitstag anfängt, ist zu spät.

Was du jetzt schon tun kannst:

  1. 1Kläre die Funktionen. Welche der fünf Funktionen oben ist für dich die wichtigste? Was hat dir an deiner Arbeit wirklich Freude gemacht, und was wirst du keine Sekunde vermissen?
  2. 2Kläre deine Werte. Bist du jemand, der unterstützt? Der gestaltet? Der Neues entdecken will oder Bewährtes bewahren? Wer gern organisiert, wird beim Essenausteilen nicht glücklich, sondern bei der Organisation der Tafel.
  3. 3Bau passgenau, nicht nach Trend. Von Einsiedel erzählt von einem Klienten, einem geselligen Menschen, der Bühne und Feedback braucht. Für den Ruhestand plante er Keller, Motorrad und ein Buch, alles allein. Ein sicherer Weg in die Einsamkeit.
Was Arbeit gibt!

Ein Hörer der Sendung hat es trocken auf den Punkt gebracht: Wer sein Leben lang Stubenhocker war, wird im Ruhestand kein Weltreisender. Du bleibst, wer du bist. Also plane für den Menschen, der du bist, und nicht für den, der du gern wärst.

Mein eigenes zweites Bein

Ich wollte immer selbstständig werden. Mit von Wartenberg Leadership habe ich die ersten Schritte gemacht, zunächst mit dem Aufbau meiner Marke. Eine Weile im Stillen, jetzt öffentlich. Es ist eine Leidenschaft, die mir leicht von der Hand geht, mir viel Energie gibt und mich auf die dritte Lebenshälfte vorbereitet. Das Buch war einer der Gründe, warum ich diesen Schritt mit 57 gegangen bin und nicht später.

Wenn ich mir die fünf Funktionen anschaue, sehe ich genau, warum: Schreiben, Sprechen, Menschen begleiten. Das gibt mir Kompetenz, Anerkennung und Begegnung, unabhängig von einem Titel auf der Visitenkarte.

Fertig bin ich damit nicht. Für jemanden, der Hochleistung liebt, ist das vielleicht die schwierigste Lektion: Leistung bleibt ein Wert. Aber die Bühne wechselt, und nicht alles im nächsten Kapitel muss sich lohnen.

Drei Fragen für dich

  • Wenn dein Job morgen endet: Welche der fünf Funktionen würde dir als Erstes fehlen?
  • Wie würdest du dich vorstellen, ohne deinen Beruf zu nennen?
  • Was baust du heute schon, das in zehn Jahren noch trägt?

Zum Weiterhören und Weiterlesen

Das Buch richtet sich zwar an Menschen kurz vor dem Ruhestand. Ich empfehle es aber jedem, der vor einer beruflichen Veränderung steht, und das sind gerade sehr viele. Die Fragen nach Funktion, Werten und Identität stellen sich bei jedem Abschied aus einer Rolle, nicht erst mit 65. Fangt am besten mit dem Podcast an!

Wie geht es Dir damit? Ich freue mich über den Austausch bei LinkedIn (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Dr. Peter von Wartenberg (10.26)

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